Wir brennen für die Energiewende“: Der 2. NetzGipfel der BürgerEnergie Berlin

In den Räumen der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin herrscht am 27. April eine für Samstage ungewöhnliche Aufregung: Rund 300 Berlinerinnen und Berliner haben sich eingefunden, um sich auf dem 2. NetzGipfel der BürgerEnergie Berlin über die Energiewende und das Stromnetz der Hauptstadt zu informieren und auszutauschen.

Fachforum: Expertenworkshops am Morgen

Direkt nach der Begrüßung durch Vorstand und Aufsichtsrat der Stromnetzkauf-Genossenschaft und den »Hausherrn« Prof. Dr. Bernd Reißert, den Präsidenten der Hochschule, beginnt ein vielseitig gestaltetes Programm. Zunächst wird im Rahmen zweier Workshops auf dem Podium und mit dem Publikum intensiv diskutiert: Themen sind die spezielle Gestaltung der Energiewende unter den Bedingungen großstädtischen Zusammenlebens einerseits und die Rolle des Unternehmens in der Daseinsvorsorge zwischen öffentlicher Hand und Bürgerhand andererseits. Hochkarätige Experten sind auf den Podien zu Gast, um Inputs zu geben, u.a. der Klima– und Energiefachmann Dr. Hans-Joachim Ziesing, die Geschäftsführer der Stadtwerke Wolfhagen und Stuttgart Martin Rühl und Dr. Michael Sladek, der Chef des Ökostromanbieters EWS Schönau und die Politikwissenschaftlerin Dr. Heike Walk. In beiden Workshops wird bald eine Frage zentral: Wie lassen sich Bürgerinnen und Bürger am besten und effizientesten in die Gestaltung der Daseinsvorsorge einbinden, welche Probleme haben sich bislang gestellt und welche kommen noch auf uns zu? Und auch die Antwort fällt in beiden Fällen ähnlich aus: Die politischen Entscheidungsträger müssen Mut beweisen. Mut, um den Bürgerinnen und Bürgern, die sich ja einbringen wollen, Verantwortung zu übertragen, ihnen Gehör zu schenken und sie aktiv mit einzubeziehen — und um die Rahmenbedingungen entsprechend zu setzen. Interessanterweise schließen beide Workshops mit dem Fazit: Die Menschen vor Ort müssen mehr Verantwortung übernehmen können.

Fragestunde I: Netzkaufgenossenschaft und Energietisch auf den Zahn gefühlt

Doch es wird nicht nur abstrakt diskutiert, sondern auch konkret gefragt: Nach der Mittagspause beantworten Arwen Colell von der BürgerEnergie Berlin und Stefan Taschner vom Berliner Energietisch ganz konkrete Fragen aus dem Publikum. Und die sind vielfältig: Wie kooperieren die beiden Initiativen, was passiert mit meinen Genossenschaftsanteilen und was will eigentlich der Berliner Senat?

Zwischendrin gibt es ein wenig frische Luft mit politischem Statement. Vor dem Tor der Hochschule versammeln sich die Teilnehmer des NetzGipfels und senden mit einer kurzen Aktion die Botschaft »Wir sind die Energiewende!« in den Wahlkampf. Als Teil der Kampagne »Die Wende — Energie in Bürgerhand« will die BürgerEnergie Berlin dazu beitragen, der Szene der Bürgerenergiegenossenschaften eine Stimme zu verleihen.

Fragestunde II: Wer sind die Bewerber für das Stromnetz?

Einen rhetorischen Höhepunkt und zugleich den Abschluss des NetzGipfels stellt das abschließende Panel dar: »Sie befinden sich am Gipfelkreuz« begrüßt der Journalist und Moderator der Diskussion, Toralf Staud. Hier stellen sich Vertreter der Unternehmen, die sich um die Konzession für das Berliner Stromnetz beworben haben, Fragen, die von Luise Neumann-Cosel, Stefan Taschner und den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des NetzGipfels an sie gerichtet werden. Zwar sind nicht alle Unternehmen der Einladung der BürgerEnergie Berlin, sich den Berlinern vorzustellen, gefolgt. Jedoch ist die Anwesenheit von Helmar Rendez (Stromnetz Berlin / Vattenfall Europe), Hartmut Gaßner (BürgerEnergie Berlin) und Ton Doesburg (Alliander AG) (Foto, v.l.n.r.) mehr als ausreichend, um eine teilweise mit spitzester Zunge ausgetragene Diskussion ins Rollen zu bringen. Zumal manche Abwesenheit auch für gute Stimmung sorgt: So lassen die Stadtwerke Schwäbisch-Hall ausrichten, dass sie sich selbst aus dem Vergabeverfahren um die Konzession zurückziehen und fortan die Bewerbung der BürgerEnergie Berlin unterstützen. Spontaner Applaus im Publikum. Auch die RWE-Tochter envia M hat ihre Bewerbung zurückgezogen. Der landeseigene Bewerber Berlin Energie hat keinen Vertreter gesendet, weil man »das Verfahren nicht gefährden« wolle. Spontane Verwunderung im Saal. Der chinesische Bewerber State Grid International schließlich hat offenbar kein allzu großes Interesse an den Berlinern, aus Peking kam keine Reaktion auf die Einladung zum NetzGipfel. So ist das Podium zwar kleiner als zunächst angenommen, zeigt aber dann doch fast das gesamte Bewerberfeld (einen Überblick über den aktuellen Stand der Bewerber finden Sie hier). Die Diskussion dreht sich dann um die Ziele, die das jeweilige Unternehmen in Berlin verfolgen will: Wie wichtig ist eine umweltfreundliche Gestaltung des Stromnetzes für die Stadt, für die Energiewende und für die Unternehmenspolitik? Welche Vor– und Nachteile birgt eine Beteiligung des jeweiligen Unternehmens am Berliner Stromnetz für die Berlinerinnen und Berliner? Was für Gründe gibt es eigentlich, in das Berliner Stromnetz zu investieren? Wohin sollen die Gewinne fließen? Zurück nach Berlin oder in Unternehmenskassen? Deutlich wird vor allem eins: den Berliner Bürgerinnen und Bürgern ist besonders ein umwelt– und verbraucherfreundlicher Betrieb des Netzes wichtig. Sie sehen das Netz nicht nur als Grundversorgungs-Infrastruktur der Stadt, sondern auch als politischen Hebel für die Energiewende und als Möglichkeit, sich aktiv an der Gestaltung ihres Zusammenlebens zu beteiligen. Und die entstehenden Gewinne sollten regional wirksam werden und nicht abfließen. Um diese Ziele umsetzen zu können, muss das Netz in Bürgerhand, ist das klare Fazit am Ende des Tages.
Als Hartmut Gaßner nach einem furiosen Plädoyer die Bedeutung eines proaktiven und intelligenten Netzbetreibers zusammenfasst: „Wir brennen für die Energiewende!“, da spenden ihm die Berlinerinnen und Berliner tosenden Beifall.

Video-Eindrücke vom NetzGipfel:

Presseecho

Einige Medienberichte vom 2. NetzGipfel, z.B.;

Fotos: Ercan Atak

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